Warum drehen Flugzeuge kurz nach dem Start ab? Abflugrouten erklärt
Weil die Kurve vorgeschrieben ist. Jede Maschine folgt nach dem Abheben einer veröffentlichten Abflugstrecke – einer SID –, die die Deutsche Flugsicherung plant und das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung per Rechtsverordnung festlegt. Wo genau die Kurve liegt, ist also keine Entscheidung des Piloten am Steuer, sondern das Ergebnis einer Planung, in die Lärmschutz, Hindernisse und die Trennung vom Anflugverkehr eingeflossen sind.
Die Abflugstrecke ist eine Straße am Himmel
Ein Verkehrsflugzeug startet nicht „irgendwohin und dann Richtung Ziel". Beim Rollen hat die Besatzung längst eine Freigabe erhalten, die einen Namen wie MODRU, NETEX, SONEB, DODEN oder KUMIK enthält – das sind die Abflugstrecken ab Düsseldorf. Fachlich heißen sie SID, Standard Instrument Departure. Jede SID ist eine feste Abfolge von Wegpunkten mit Höhen- und Geschwindigkeitsvorgaben, gezeichnet auf einer Karte, die weltweit jeder Pilot vor sich hat.
Der Name kommt fast immer vom Wegpunkt, auf den die Route zuläuft. MODRU etwa bezeichnet einen Punkt in der Nähe von Heinsberg an der niederländischen Grenze. Deshalb sind die Namen so kryptisch: Sie müssen international eindeutig und über Funk unmissverständlich sein.
Für dich am Boden folgt daraus das Wichtigste an diesem Artikel: Wenn über deinem Haus jeden Tag zur gleichen Stelle abgedreht wird, ist das kein Zufall und keine Nachlässigkeit. Es ist genau so geplant.
Wann darf die Kurve frühestens beginnen?
Es gibt eine harte Untergrenze. Nach den internationalen Verfahrensregeln der ICAO (Doc 8168, PANS-OPS) wird beim Entwurf einer Abflugstrecke unterstellt, dass eine Kurve von mehr als 15 Grad gegenüber der Bahnrichtung nicht vor 120 Metern – also rund 400 Fuß – über dem Bahnende beginnt. Zusätzlich wird angenommen, dass diese Höhe nicht schon vor 600 Metern ab Bahnanfang erreicht ist.
400 Fuß klingen nach wenig, und das ist auch der Punkt: Die Zahl ist eine Mindesthöhe für die Konstruktion des Verfahrens, keine typische Kurvenhöhe. In der Praxis sind Verkehrsflugzeuge an der Stelle, an der sie tatsächlich eindrehen, meist deutlich höher – ein voll besetzter A320 steigt beim Start mit gut 2.000 Fuß pro Minute. Was du unten wahrnimmst: Die Maschine ist beim Abdrehen noch tief genug, dass man den Typ erkennt, und sie steht dabei unter hohem Schub.
| Größe | Wert | Bedeutung |
|---|---|---|
| Frühester Kurvenbeginn (Verfahrensentwurf) | 120 m / ca. 400 ft über Bahnende | gilt für Kurven über 15° Bahnabweichung |
| Frühester Kurvenpunkt am Boden | 600 m ab Bahnanfang | Annahme bei der Konstruktion |
| Schubreduzierung nach Start | meist 800–1.500 ft | hier wird der Startlärm hörbar leiser |
| Typische Steigrate Kurzstreckenjet | rund 2.000 ft/min | Höhe wächst schnell, Lärm fällt schnell |
Vier Gründe, warum überhaupt gekurvt wird
Lärmschutz. Der offensichtlichste Grund. Die Abflugstrecken ab Düsseldorf sind so gelegt, dass sie den Verkehr möglichst über dünner besiedelte Gebiete führen – deshalb der Bogen um Wohngebiete herum statt geradeaus darüber hinweg. Der Preis dafür: Wer unter dem Bogen wohnt, bekommt konzentriert ab, was andere nicht abbekommen.
Trennung von Starts und Landungen. Ein Flughafen bedient gleichzeitig anfliegende und abfliegende Maschinen. Die Anflüge kommen auf einer langen, geraden Linie herein; die Abflüge müssen aus diesem Korridor heraus, sonst blockieren sie ihn. Die Kurve schafft den Abstand.
Einfädeln ins Streckennetz. Über Deutschland liegt ein Gerüst aus Luftstraßen und Übergabepunkten zu den Nachbarsektoren. Eine Maschine nach Mallorca muss nach Südwesten, eine nach Berlin nach Osten. Die SID ist die Rampe, über die das Flugzeug geordnet auf die richtige Autobahn kommt – ohne dass ein Lotse jede einzelne Kurve einzeln anweisen muss.
Hindernisse und Topografie. Der seltenste Grund im Flachland, aber der Grund, warum das Verfahren überhaupt so streng konstruiert wird: Die Route muss auch dann sicher frei von Hindernissen sein, wenn ein Triebwerk ausfällt und das Flugzeug entsprechend flacher steigt.
Wer legt fest, über wessen Dach die Kurve liegt?
Das ist die Frage, die Anwohner eigentlich meinen, wenn sie „warum drehen die hier ab?" fragen. Die Antwort ist ein dreistufiger Prozess:
- Die DFS Deutsche Flugsicherung plant die Strecken fachlich und rechnet die Lärmwirkung der Varianten durch. Der Flughafenbetreiber ist dafür ausdrücklich nicht zuständig.
- Die Fluglärmkommission des jeweiligen Flughafens wird beteiligt und gibt eine Empfehlung ab. In ihr sitzen unter anderem Vertreter der betroffenen Städte und Gemeinden.
- Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) legt das Flugverfahren schließlich per Rechtsverordnung fest – auf Grundlage von § 32 Abs. 4c Luftverkehrsgesetz in Verbindung mit § 27a Abs. 2 Luftverkehrsordnung. Erst damit ist die Route geltendes Recht.
Praktisch heißt das: Eine Abflugroute ändert man nicht mit einem Anruf beim Flughafen. Es ist ein Verwaltungsverfahren mit Abwägung, Stellungnahmen und einer Verordnung am Ende. Wenn dich der Lärm konkret betrifft, ist der wirksamere Hebel die dokumentierte Einzelbeschwerde – wie das richtig geht, steht in Fluglärm-Beschwerde: So meldest du laute Überflüge richtig.
Warum manche Routen zwei Kurven haben
Ein gutes Beispiel ist MODRU ab Düsseldorf. Die direkte Linie vom Flughafen zum Wegpunkt bei Heinsberg ist schlicht zu kurz, als dass eine startende Maschine bis dorthin die erforderliche Höhe erreichen könnte. Also wird eine Doppelkurve geflogen – ein Umweg, der Steigstrecke erzeugt. Genau das ist der Grund, warum ein Flieger über dir manchmal in eine Richtung dreht, die mit seinem Reiseziel augenscheinlich nichts zu tun hat.
Ein zweiter Trend verändert das Bild gerade spürbar: Neuere Verfahren stützen sich nicht mehr auf bodengebundene Funkfeuer, sondern ausschließlich auf Satellitennavigation. Das macht die Kurven präziser – und für Anwohner leider auch schmaler. Wo früher eine Streuung von einigen hundert Metern normal war, fliegen heute alle Maschinen fast dieselbe Linie.
Und warum fliegen sie trotzdem nicht immer gleich?
Weil die SID nicht das letzte Wort ist. Die Flugsicherung darf jederzeit Radarvektoren geben, also Kurse anweisen, die von der veröffentlichten Strecke abweichen – bei viel Verkehr, bei Gewittern, zur Staffelung. Dazu kommt der Faktor, der alles dominiert: die Betriebsrichtung. Bei Westbetrieb (Betriebsrichtung 23) wird nach Westen gestartet, bei Ostwind nach Osten – und die gesamte Abflugkarte kippt um 180 Grad. Details dazu in Betriebsrichtung 05 vs. 23 in Düsseldorf und Warum starten Flugzeuge in Düsseldorf fast immer Richtung Westen?
| Wenn du beobachtest … | … dann liegt es meistens an |
|---|---|
| Jeden Tag dieselbe Kurve über demselben Ortsteil | der festgelegten SID |
| Heute Starts statt Anflügen über dir | gedrehter Betriebsrichtung (Wind) |
| Einzelne Maschinen weit außerhalb der üblichen Linie | Radarvektoren der Flugsicherung |
| Großräumige Umwege in alle Richtungen | Wetter – siehe Gewitterartikel unten |
Selbst nachsehen, wohin dein Überflieger dreht
Am schnellsten klärst du das live: Steigt die Höhe zügig und ist der Kurs frisch verändert, siehst du gerade den Kurvenflug einer Abflugstrecke. Das Live-Radar von aplanebox.com zeigt dir Höhe, Kurs, Typ und Ziel jeder Maschine über dir – und über mehrere Flüge hinweg erkennst du die Linie, der alle folgen. Für den lokalen Überblick lohnt außerdem Flugzeuge über Düsseldorf.
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Warum drehen Flugzeuge direkt nach dem Start ab?
Weil sie einer veröffentlichten Abflugstrecke folgen, einer sogenannten SID. Diese Routen führen den Verkehr möglichst über dünner besiedelte Gebiete, halten die Abflüge vom Anflugkorridor frei und fädeln die Maschinen geordnet ins Luftstraßennetz ein. Die Kurve ist damit vorgeschrieben und keine spontane Entscheidung der Besatzung.
Ab welcher Höhe darf ein Flugzeug nach dem Start eine Kurve fliegen?
Nach den ICAO-Verfahrensregeln wird beim Entwurf einer Abflugstrecke angenommen, dass eine Kurve von mehr als 15 Grad gegenüber der Bahnrichtung frühestens 120 Meter – rund 400 Fuß – über dem Bahnende beginnt, und nicht vor 600 Metern ab Bahnanfang. Das ist eine Untergrenze für die Planung; in der Praxis drehen Verkehrsmaschinen meist deutlich höher ab.
Wer entscheidet über den Verlauf der Abflugrouten in Deutschland?
Die DFS Deutsche Flugsicherung plant die Verfahren, die Fluglärmkommission des Flughafens wird beteiligt und gibt eine Empfehlung ab, und das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung setzt die Route per Rechtsverordnung fest. Der Flughafenbetreiber selbst legt die Flugrouten nicht fest.
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Die Höhen- und Abstandsangaben stammen aus den ICAO-Verfahrensgrundsätzen für die Konstruktion von Abflugverfahren und sind keine Vorgaben für den Einzelflug. Streckenverläufe und SID-Namen ändern sich; verbindlich ist allein die jeweils gültige Veröffentlichung der DFS.