Warum gehen im Landeanflug die Ohren zu? Kabinendruck und Kabinenhöhe erklärt
Im Reiseflug herrscht in der Kabine nicht Bodendruck, sondern der Luftdruck von 6.000 bis 8.000 Fuß Höhe – rund ein Viertel weniger als am Boden. Im Sinkflug muss der Druck in etwa 20 bis 30 Minuten wieder um rund 250 Hektopascal steigen. Die Luft im Mittelohr folgt dem nur, wenn sich die Ohrtrompete öffnet – und genau das klappt beim Sinken schlechter als beim Steigen.
Die Kabine fliegt in ihrer eigenen Höhe
Ein Linienjet im Reiseflug ist in 35.000 bis 40.000 Fuß unterwegs (mehr dazu in Wie hoch fliegen Flugzeuge im Reiseflug?). Draußen liegt der Luftdruck dort bei gut 200 Hektopascal – ein Fünftel des Bodenwerts. Die Druckkabine pumpt deshalb Luft aus den Triebwerken (beim Boeing 787 aus elektrischen Kompressoren) in den Rumpf und lässt sie über ein regelbares Auslassventil, das Outflow Valve, wieder hinaus. Wie weit dieses Ventil offen steht, bestimmt den Druck innen.
Den Innendruck gibt man in der Luftfahrt als Kabinenhöhe an: die Höhe, in der draußen derselbe Luftdruck herrschen würde. Die Bauvorschrift für Verkehrsflugzeuge (EASA CS 25.841, in den USA 14 CFR 25.841) verlangt, dass die Kabinenhöhe im Normalbetrieb auch in der maximalen Flughöhe nicht über 8.000 Fuß (2.438 Meter) steigt. Ältere Aluminium-Rümpfe wie A320, Boeing 737 oder A330 nutzen diesen Spielraum weitgehend aus; Boeing 787 und Airbus A350 mit ihren Kohlefaser-Rümpfen vertragen mehr Druckdifferenz und halten die Kabine bei rund 6.000 Fuß.
| Höhe (Normatmosphäre) | Luftdruck | Bedeutung |
|---|---|---|
| Meeresniveau | 1.013 hPa | Bezugswert |
| 147 ft (45 m) | 1.008 hPa | Flughafen Düsseldorf |
| 302 ft (92 m) | 1.002 hPa | Flughafen Köln/Bonn |
| 6.000 ft | 812 hPa | Kabinenhöhe 787 / A350 |
| 8.000 ft | 753 hPa | zulässige Obergrenze der Kabinenhöhe |
| 37.000 ft | 217 hPa | typische Reiseflughöhe außen |
Warum nicht einfach Bodendruck? Weil der Rumpf dann bei jedem Flug eine deutlich größere Druckdifferenz aushalten müsste – mehr Material, mehr Gewicht, mehr Ermüdung bei Tausenden Druckzyklen. 8.000 Fuß sind der Kompromiss, den gesunde Menschen problemlos vertragen.
Was im Ohr passiert
Hinter dem Trommelfell liegt das luftgefüllte Mittelohr. Mit dem Rachen ist es nur über einen dünnen Gang verbunden, die Ohrtrompete (Eustachische Röhre). Sie ist im Ruhezustand geschlossen und öffnet sich kurz beim Schlucken oder Gähnen. Solange sie zu ist, bleibt der Druck im Mittelohr gleich – ändert sich der Kabinendruck, wölbt sich das Trommelfell. Das fühlt sich an wie Watte im Ohr, Geräusche werden dumpf, bei größerer Differenz tut es weh.
Der entscheidende Punkt ist eine Asymmetrie:
- Steigflug: Der Kabinendruck sinkt, die Luft im Mittelohr dehnt sich aus. Der Überdruck drückt die Ohrtrompete von innen auf, die Luft entweicht fast von selbst – oft mit einem leisen Knacken. Deshalb merken viele beim Start kaum etwas.
- Sinkflug: Der Kabinendruck steigt, im Mittelohr entsteht Unterdruck. Der saugt die weichen Wände der Ohrtrompete eher zusammen, statt sie zu öffnen. Luft kommt nur hinein, wenn die Muskeln beim Schlucken oder Gähnen den Gang aktiv aufziehen. Wer dabei zu lange wartet, hat irgendwann eine Differenz, gegen die das kaum noch gelingt.
Die Kabine „landet“ eine halbe Stunde vor dem Flugzeug
Die Druckregelung ändert die Kabinenhöhe bewusst sanft: Als Komfortwerte gelten rund 500 Fuß pro Minute beim Steigen und etwa 300 Fuß pro Minute beim Sinken – viel langsamer als das Flugzeug selbst, das im Sinkflug oft 2.000 bis 3.000 Fuß pro Minute verliert. Damit die Kabine trotzdem rechtzeitig auf dem Druck des Zielflughafens ankommt, beginnt sie mit dem Sinken gleichzeitig mit dem Flugzeug, am Top of Descent.
Eine Beispielrechnung für die Landung in Düsseldorf: Bei 8.000 Fuß Kabinenhöhe müssen rund 7.850 Fuß abgebaut werden. Bei 300 Fuß pro Minute dauert das etwa 26 Minuten – das passt ziemlich genau zur Dauer eines Sinkflugs aus Reiseflughöhe (siehe Wie lange dauert der Anflug auf Düsseldorf?). Der Druck in der Kabine steigt in dieser Zeit von 753 auf 1.008 Hektopascal.
Dazu kommt ein physikalisches Detail, das erklärt, warum es oft erst kurz vor der Landung richtig drückt: In Bodennähe ändert sich der Luftdruck pro Höhenmeter stärker als weiter oben. Bei gleicher Kabinen-Sinkrate von 300 Fuß pro Minute steigt der Druck in 8.000 Fuß um rund 8 Hektopascal pro Minute, in den letzten Minuten vor dem Aufsetzen um rund 11. Die Ohren müssen also gerade am Ende am häufigsten nachregeln.
Wenn die Flugsicherung einen Flug lange hoch hält und dann einen steilen Sinkflug verlangt, oder wenn Radarvektoren den Weg plötzlich abkürzen, muss die Kabine schneller sinken als geplant. Solche Anflüge spürt man deutlicher in den Ohren (warum das Höhenprofil so oft stufig ist, steht in Warum sinken Flugzeuge nicht gleichmäßig?).
Was beim Druckausgleich hilft
- Früh anfangen: Nicht erst beim Ausfahren des Fahrwerks, sondern schon, wenn die Triebwerke beim Beginn des Sinkflugs leiser werden – häufig 20 bis 30 Minuten vor der Landung. Lieber oft und früh kleine Differenzen ausgleichen als einmal eine große.
- Schlucken und Kauen: Kaugummi, Bonbons oder Trinken bringen die Schluckmuskeln in Bewegung, die die Ohrtrompete öffnen. Gähnen wirkt ähnlich stark.
- Valsalva-Manöver: Nase zuhalten, Mund schließen und sanft Luft in die Nase drücken, bis es knackt. Sanft ist das Stichwort – nicht mit Kraft pressen.
- Babys und Kleinkinder: Stillen, Fläschchen oder Schnuller im Sinkflug, damit sie regelmäßig schlucken. Schlafende Kinder schlucken seltener; Weinen hilft paradoxerweise beim Druckausgleich.
- Mit Schnupfen: Geschwollene Schleimhäute verengen die Ohrtrompete. Wer erkältet fliegen muss, sollte vorher in der Apotheke oder beim Arzt nach abschwellenden Mitteln und dem richtigen Zeitpunkt fragen. Bei Mittelohrentzündung oder starken Schmerzen gilt: ärztlich abklären, ob Fliegen sinnvoll ist.
Wenn das Ohr nach der Landung noch zu ist, gleicht es sich meist innerhalb von Minuten bis Stunden von selbst aus. Halten Druckgefühl oder Schmerzen länger an, kann eine Barotrauma-Reizung des Trommelfells dahinterstecken – dann zum HNO-Arzt.
Am Radar erkennen, wann es losgeht
Den Moment, ab dem die Kabine zu sinken beginnt, kannst du von unten im Live-Radar beobachten: Sobald bei einem Flug Richtung Düsseldorf oder Köln/Bonn die Höhe aus dem Reiseflug-Niveau abfällt, beginnt auch für die Passagiere an Bord der Druckausgleich. Aus Reiseflughöhe liegt dieser Punkt meist weit über 150 Kilometer vor der Bahn – lange bevor das Flugzeug über NRW tief genug ist, um es zu hören. Mehr zum Verkehr rund um den Flughafen auf der Themenseite Flugzeuge über Düsseldorf.
✈ LIVE-RADAR: SINKFLÜGE ÜBER NRW ANSEHENHäufige Fragen
Warum tun die Ohren bei der Landung mehr weh als beim Start?
Beim Start sinkt der Kabinendruck, die Luft im Mittelohr dehnt sich aus und entweicht fast von selbst durch die Ohrtrompete. Bei der Landung steigt der Druck, im Mittelohr entsteht Unterdruck, und die Ohrtrompete öffnet sich nur durch aktives Schlucken, Gähnen oder Druckausgleich.
Welcher Luftdruck herrscht in einer Flugzeugkabine?
Im Reiseflug entspricht der Kabinendruck dem Luftdruck in 6.000 bis 8.000 Fuß Höhe, also etwa 750 bis 810 Hektopascal statt rund 1.013 am Boden. Die Bauvorschriften erlauben im Normalbetrieb höchstens 8.000 Fuß Kabinenhöhe; Boeing 787 und Airbus A350 fliegen mit rund 6.000 Fuß.
Wann sollte man im Flugzeug mit dem Druckausgleich anfangen?
Am besten schon mit Beginn des Sinkflugs, etwa 20 bis 30 Minuten vor der Landung, wenn die Triebwerke leiser werden. Wer regelmäßig schluckt, kaut oder gähnt, gleicht viele kleine Druckunterschiede aus, bevor eine große Differenz entsteht.
Mehr im Tower Log: Wie hoch fliegen Flugzeuge im Reiseflug? · Warum sinken Flugzeuge nicht gleichmäßig? · Wie lange dauert der Anflug auf Düsseldorf?
Luftdruckwerte nach ICAO-Normatmosphäre (gerundet); tatsächliche Werte schwanken mit dem Wetter. Kabinenhöhe nach CS 25.841 / 14 CFR 25.841; Sinkraten der Kabine sind typische Komfortwerte, keine festen Vorgaben eines bestimmten Musters. Keine medizinische Beratung. Stand Oktober 2026, ohne Gewähr.