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Kurvenflug: Warum sich Flugzeuge in die Kurve legen und wie schräg sie fliegen

2026-10-09 · TOWER LOG

Ein Flugzeug hat keine Straße, an der sich die Räder abstützen können – um die Richtung zu ändern, kippt es den Auftrieb seiner Flügel zur Seite. Diese Schräglage erzeugt die Kraft, die das Flugzeug in den Bogen zieht. Verkehrsflugzeuge legen sich dabei meist nur um rund 25 Grad, drehen damit 2 bis 3 Grad pro Sekunde und brauchen für einen Vollkreis mehrere Kilometer Durchmesser.

Lenken mit dem Auftrieb

Ein Auto fährt um die Kurve, weil die Reifen sich seitlich am Asphalt abdrücken. In der Luft gibt es nichts, woran man sich abdrücken könnte. Die einzige große Kraft, die ein Flugzeug zur Verfügung hat, ist der Auftrieb der Flügel – und der wirkt immer senkrecht zur Tragfläche. Im Geradeausflug zeigt er nach oben und trägt das Gewicht.

Rollt der Pilot das Flugzeug mit den Querrudern zur Seite, kippt der Auftrieb mit. Ein Teil von ihm zeigt jetzt waagerecht zur Kurveninnenseite und zieht das Flugzeug in einen Bogen, genau wie ein Radfahrer sich in die Kurve legt. Das Seitenruder allein würde dagegen nur die Nase zur Seite drehen: Das Flugzeug schiebt dann schräg durch die Luft, verliert Leistung, und die Passagiere würden zur Seite gedrückt. Es dient im Kurvenflug deshalb nur dazu, die Kurve sauber zu „koordinieren“ – bei modernen Jets erledigt das die Automatik.

Weil ein Teil des Auftriebs jetzt zur Seite zeigt, fehlt er nach oben. Damit das Flugzeug nicht sinkt, muss der Pilot – oder der Autopilot – den Anstellwinkel etwas erhöhen, also leicht ziehen. Der gesamte Auftrieb ist in der Kurve deshalb größer als das Gewicht.

Warum meist bei 25 Grad Schluss ist

Je steiler die Schräglage, desto enger die Kurve – aber desto mehr muss der Flügel tragen. Das Verhältnis von Auftrieb zu Gewicht heißt Lastvielfaches und beträgt 1 durch den Kosinus der Querneigung. Mit ihm steigt auch die Mindestgeschwindigkeit, unter der die Strömung abreißt:

QuerneigungLastvielfachesgefühltes GewichtAbreißgeschwindigkeit
15°1,04 g+4 %+2 %
25°1,10 g+10 %+5 %
30°1,15 g+15 %+7 %
45°1,41 g+41 %+19 %
60°2,00 g+100 %+41 %

Bis 25 oder 30 Grad bleibt das alles harmlos: rund 10 Prozent mehr Last, kaum Einfluss auf die Sicherheitsreserven, und für die Passagiere fühlt es sich angenehm an. Darüber wird es schnell unbequem und verbraucht unnötig Reserven. Im Linienbetrieb sind 25 Grad deshalb eine Art Hausnummer: Viele Autopiloten begrenzen die Querneigung im Normalbetrieb auf etwa diesen Wert, und die internationalen Verfahrensregeln der ICAO (PANS-OPS) legen ihn etwa für Warteschleifen fest. Dort gilt: Kurven mit 25 Grad Querneigung oder mit 3 Grad pro Sekunde – je nachdem, was die geringere Schräglage ergibt.

Die Grenze ist eine Komfort- und Verfahrensgrenze, keine Belastungsgrenze. Verkehrsflugzeuge sind für ein Vielfaches davon ausgelegt. Bei Airbus-Jets etwa hält die Steuerung im Normalbetrieb von sich aus maximal 33 Grad, wenn der Pilot den Sidestick loslässt; steiler geht es nur mit gehaltenem Stick, und bei 67 Grad greift ein Schutz ein. Solche Werte sieht man im Alltag praktisch nie.

Die Standardkurve: zwei Minuten für einen Vollkreis

In der Instrumentenfliegerei gibt es eine Normgröße: die Standardkurve (Rate One Turn) mit 3 Grad pro Sekunde. 360 Grad dauern damit genau zwei Minuten – praktisch, weil sich Verfahren so mit der Stoppuhr planen lassen. Welche Schräglage dafür nötig ist, hängt von der Geschwindigkeit ab. Die Faustregel der Piloten: wahre Fluggeschwindigkeit in Knoten durch 10, plus 7. Bei 160 Knoten im Anflug sind das rund 23 Grad, das passt.

Bei höheren Geschwindigkeiten geht die Rechnung nicht mehr auf: Für 3 Grad pro Sekunde bräuchte ein Jet bei 250 Knoten schon rund 34 Grad Querneigung, im Reiseflug über 50 Grad. Weil die 25-Grad-Grenze Vorrang hat, drehen schnelle Flugzeuge langsamer als die Standardkurve – und ziehen entsprechend größere Kreise.

Wie groß die Kreise am Himmel sind

Mit 25 Grad Querneigung ergeben sich ohne Wind diese Werte (eigene Rechnung, wahre Fluggeschwindigkeit):

Geschwindigkeittypische PhaseDrehrateKurvenradiusVollkreis
160 kt (≈ 300 km/h)Endanflug3 °/s*≈ 1,6 km2 min
220 kt (≈ 410 km/h)Warteschleife, Anflug2,3 °/s≈ 2,8 km2,6 min
250 kt (≈ 460 km/h)unter 10.000 Fuß2,0 °/s≈ 3,6 km2,9 min
300 kt (≈ 560 km/h)Steigflug1,7 °/s≈ 5,2 km3,5 min
470 kt (≈ 870 km/h)Reiseflug1,1 °/s≈ 12,8 km5,5 min

* Bei 160 kt reichen schon rund 23° für die Standardkurve, deshalb wird hier nicht mit vollen 25° geflogen.

Ein Jet im Reiseflug bräuchte für eine Kehrtwende also einen Halbkreis von gut 25 Kilometern Durchmesser. In großer Höhe fliegen viele Besatzungen zudem bewusst flacher, oft nur mit 10 bis 15 Grad, weil die dünne Luft weniger Reserven bis zum Strömungsabriss lässt. Das macht die Bögen noch weiter. Deshalb sieht man auf der Karte im Reiseflug kaum „Kurven“, sondern lange, sanfte Richtungswechsel.

Wind verformt diese Kreise übrigens: Über Grund wird aus einem Kreis eine Art verschobene Schleife, weil das Flugzeug während der Kurve mit der Luftmasse abtreibt. Deshalb sehen Warteschleifen im Radar selten wie saubere Ovale aus (mehr dazu in Flugzeug kreist über meiner Stadt).

Warum man in der Kabine kaum etwas davon merkt

Viele Passagiere wundern sich, dass sie eine Kurve nur am schrägen Horizont vor dem Fenster erkennen. Der Grund ist die koordinierte Kurve: Schwerkraft und Fliehkraft addieren sich zu einer Kraft, die genau senkrecht in den Sitz drückt – wie im Geradeausflug, nur rund 10 Prozent stärker. Niemand rutscht zur Seite, und der Kaffee im Becher bleibt parallel zum Klapptisch, obwohl der Becher mit dem Flugzeug schräg liegt.

Das Gleichgewichtsorgan im Ohr kann diese Lage nicht vom Geradeausflug unterscheiden. Wer am Fenster auf der Kurveninnenseite sitzt, schaut steil auf den Boden, wer gegenüber sitzt, sieht nur Himmel – beides ohne das Gefühl, schief zu sitzen. Genau dieser Effekt ist der Grund, warum Piloten ohne Sicht nach Instrumenten fliegen müssen: Der Körper merkt eine langsam eingeleitete Schräglage schlicht nicht.

Kurven im Live-Radar erkennen

Im Live-Radar zeigt jedes Flugzeug seinen Kurs. Ändert sich dieser Wert innerhalb von 30 Sekunden um 60 bis 90 Grad, kurvt der Flieger mit 2 bis 3 Grad pro Sekunde – meist im Anflug, wenn die Lotsen ihn auf den Endanflug eindrehen, oder kurz nach dem Start, wenn er seiner Abflugroute folgt. Warum Starts in Düsseldorf und Köln/Bonn oft schon wenige Kilometer hinter der Bahn abknicken, erklärt Warum drehen Flugzeuge nach dem Start ab?. Wie die Anflüge über NRW verlaufen, zeigt die Themenseite Flugzeuge über Düsseldorf.

✈ LIVE-RADAR: KURVEN ÜBER NRW VERFOLGEN

Häufige Fragen

Warum legen sich Flugzeuge in die Kurve?

Ein Flugzeug kann sich nicht wie ein Auto an der Straße abstützen. Um die Richtung zu ändern, rollt es zur Seite und kippt damit den Auftrieb der Flügel. Ein Teil dieser Kraft zeigt dann zur Kurveninnenseite und zieht das Flugzeug in einen Bogen. Das Seitenruder sorgt nur dafür, dass die Kurve sauber und ohne seitliches Rutschen verläuft.

Wie schräg fliegt ein Verkehrsflugzeug in der Kurve?

Im normalen Linienbetrieb meist mit höchstens etwa 25 Grad Querneigung, im Reiseflug oft nur 10 bis 15 Grad. Bei 25 Grad wirkt auf Flugzeug und Passagiere rund das 1,1-Fache des normalen Gewichts. Steilere Kurven sind technisch möglich, werden im Alltag aber aus Komfort- und Sicherheitsgründen vermieden.

Was ist eine Standardkurve?

Die Standardkurve (Rate One Turn) ist eine Kurve mit 3 Grad pro Sekunde, sodass ein Vollkreis genau zwei Minuten dauert. Die nötige Querneigung hängt von der Geschwindigkeit ab, als Faustregel gilt Knoten durch 10 plus 7. Schnelle Jets erreichen sie wegen der 25-Grad-Begrenzung oft nicht und drehen langsamer.

Mehr im Tower Log: Warum drehen Flugzeuge nach dem Start ab? · Flugzeug kreist über meiner Stadt · Wie schnell fliegt ein Flugzeug im Landeanflug?

Lastvielfaches, Drehraten und Radien: eigene Rechnung (n = 1/cos φ, r = v²/(g·tan φ)), ohne Wind und mit wahrer Fluggeschwindigkeit. Querneigungs-Vorgaben für Warteschleifen nach ICAO PANS-OPS; Airbus-Werte für Normal Law gerundet. Konkrete Autopilot-Grenzen unterscheiden sich je nach Typ und Airline. Stand Oktober 2026, ohne Gewähr.